Einmal Gaucho und Zurück

Landkarte Argentinien, Fotolia.comEin Erfahrungsbericht aus Argentinien, Buenos Aires

Auslandssemester im Jurastudium, 4. Semester

Es gibt Momente im Leben eines Studenten, in denen sich der Alltag des Studiums als monotone und deprimierende  Belastung darstellt, so dass es ratsam erscheint, etwas zu verändern.

Ich selbst bin Student der Rechtswissenschaften und damals im vierten Semester an einem Punkt angelangt, an dem das Staatsexamen noch in weiter Ferne schien und jede Abwechslung im Vergleich dazu wie eine Oase für einen Wüstenreisenden.

Kurzum, die Zeit schien reif für ein Abenteuer.

Also bewarb ich mich sehr kurzfristig für ein Auslandsjahr bei meiner Universität und bekam nach einigem Verwaltungsaufwand sogar die Möglichkeit zwischen drei Zielen zu wählen: Tampere, Finnland; Barcelona, Spanien und Buenos Aires, Argentinien.

Im Ergebnis erschien mir Finnland nicht attraktiv genug, zu teuer und nah. Daher lief alles auf eine Entscheidung zwischen Barcelona und Buenos Aires hinaus. Letztlich schien mir Argentinien genau richtig für das erwünschte Abenteuer zu sein, vor allem aufgrund der räumlichen Distanz zu Deutschland und der Möglichkeit durch Südamerika zu reisen.

Ich habe gehört, für derart längere Auslandsaufenthalte sollte man mindestens eine ein- bis anderthalbjährige Vorbereitungsphase einplanen.

Dem kann ich nur teilweise zustimmen, denn Abenteuer kann man nicht planen und rückblickend wüsste ich auch nicht, welchen Gewinn mehr Planung für mich gehabt hätte. Meine „Vorbereitungszeit” betrug ganze 3 Monate, einschließlich Wohnungsräumung, Flugbuchung, Versicherungen etc.

Vielleicht hätte ich vorher die Sprache lernen sollen, aber dazu später.

Ich hatte das unglaubliche Privileg, der erste Jurastudent meiner Fakultät zu sein, der im Rahmen eines Abkommens mit der Universidad de Buenos Aires, kurz UBA, sein Auslandsjahr an deren juristischer Fakultät verbringen konnte. Daher gab es faktisch keinerlei Erfahrungswerte mit der dortigen Fakultät. Was für eine Herausforderung!

Ärgerlich war allerdings der argentinische Semesterturnus, dort beginnt das Semester im Durchschnitt 2 Monate eher als in Deutschland und endet dementsprechend auch früher.

Für mich hatte das den Nachteil, dass ich das vierte Semester frühzeitig unterbrechen musste, um bei den Einführungswochen dabei zu sein und die Klausuren hier in Deutschland verpasste, weil diese erst zum Ende des Semesters anlaufen.

Sei es drum, ich wollte mein Abenteuer und ich wollte es jetzt.

Von Berlin ging es nach Frankfurt a.M. und von dort mit der Lufthansa direkt nach Buenos Aires. Es gibt auch preiswertere Varianten, mit Umstieg in Madrid (Iberia) oder Paris (Air France), aber so viel Abenteuer wollte ich vorerst auch wieder nicht, um rund 25 € zu sparen.

Nun zu den Fakten:

1. Das Land

Argentinien ist mit seiner schieren Größe von ca. 2.780.400 km² knapp acht Mal so groß wie Deutschland und bietet unzählige Naturwunder, verschiedene Landschaften, vier verschiedene Klimazonen und die Weltmetropole Buenos Aires.

Der Norden des Landes wird nach Westen dominiert von Steinwüsten und kargen Vegetationen, vor allem in der Provinz Jujuy.

Fast die vollständige Westgrenze wird von den Anden und Kordilleren beherrscht. Im Osten wird Argentinien vom Atlantik begrenzt und von diesem auch klimatisch in vielerlei Hinsicht beeinflusst.

Der Südzipfel ist das sagenumwobene Feuerland mit seiner wohl einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Ebenfalls im Süden, in Patagonien befindet sich der riesige Gletscher „Perito Moreno”, einer der wenigen noch wachsenden in der Welt.

Im Nordosten in der Provinz Missiones an der Landesgrenze zu Paraguay und Brasilien findet man die vielleicht schönsten Wasserfälle der Welt, die „Cataratas de Iguazu”.

Damit verfügt Argentinien über eine landschaftliche Vielfalt, die in dieser Form, außer vielleicht China und die USA, kein Land auf dieser Erde bieten kann: Wüsten, Hochgebirge, Gletscher, Prärien, Sonnenstrände, Wasserfälle und weitläufige Dschungelparadiese.

2. Erste Erfahrungen sammeln

Nach der Landung hatte ich die Hoffnung, eine neue Welt würde sich mir auftun.

Das war auch der Fall, nur das entgegengesetzte Extrem meiner Vorstellung. Statt Sommersonne, kolonialen Bauten, frischer Meeresluft und guter Laune fand ich zuallererst unfreundliche Taxifahrer, eine mit Smog durchsetzte Luft und als krönenden Abschluss die Fahrt vom Flughafen in die City. Nun mag jeder seine eigenen Vorstellungen von Südamerika haben und meine waren wohl zu romantisch, aber die Hochhausbauten, welche mich bereits am Stadtrand empfingen, strahlten eine derart entsetzlich kommunistisch geprägte Plattenarchitektur aus, dass ich mich fragte, warum ich 12.000 km geflogen bin, nur um zu sehen, was ich eigentlich hinter mir lassen wollte.

Diese Erkenntnis, Berlin mit einer verwahrlosten Variante Belgrads ausgetauscht zu haben, lasteten auch die nächsten Tage schwer auf meinem Gemüt.

3. Leute

Die Menschen in Argentinien lassen sich grob in zwei Kategorien teilen: Jene, die in der Hauptstadt wohnen und sich für die eigentlichen Argentinier halten und jene, die eben nicht dort wohnen und dem europäischen Bild des Argentiniers (mehrheitlich Indios oder mit diesen ethnisch verwandt) entsprechen.

a) Buenos Aires

Die Hauptstadtbewohner auch „Porteños” genannt, halten sich wie oben beschrieben, für die eigentlichen Argentinier, denken jedoch, sie wären Europäer und legen eine beinahe unglaubliche Arroganz an den Tag. Daher werden sie auch vom Rest des Landes kritisch, fast schon feindselig betrachtet. Wenn man jedoch aus der Hauptstadt herausfährt, zum Beispiel in den Norden nach Cordoba, kann man sehr nette Kontakte zu Taxifahrern oder anderen Locals knüpfen, indem man beiläufig bemerkt, dass Argentinien ein wunderschönes Land ist, man den Aufenthalt unglaublich genießt, die Porteños jedoch überflüssig sind.

Hier ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung eines typischen „Porteño-Erlebnisses”:

Man geht in Buenos Aires in ein Restaurant und nimmt an einem der freien Tische Platz. Nach einer gewissen Zeit wundert man sich, dass keiner der Kellner zu einem kommt, um seiner Arbeit nachzugehen, also die Bestellung aufzunehmen. Offensichtlich fehlt es an dieser Stelle an Geschäftssinn.

Denn an der Theke stehen 5 Kellner, 4 sind in ein Gespräch vertieft und auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten anscheinend nicht gewillt, ihrer Arbeit nachzugehen und somit ihren Arbeitsplatz zu erhalten.

Der verbleibende Kellner ist dabei, sich um alle vorhandenen Gäste zu kümmern. Man bekommt nach einer gefühlten Ewigkeit die Speisekarte und das Besteck etwas rabiat „hingeworfen” und gibt die Bestellung, zum Beispiel ein Sandwich mit Käse und Schinken, auf.

Kellner schreiben in Argentinien grundsätzlich nichts auf, sondern „merken” sich die Bestellungen. Anschließende, oft verspätete Nachfragen sind also üblich. Das bestellte Sandwich kommt dann auch, muss jedoch entgegen der Erwartung nicht unbedingt mit Käse und Schinken, sondern kann auch mit Salami oder auch Thunfisch belegt sein. Der an dieser Stelle richtige Hinweis, dass das erhaltene Sandwich nicht dem Bestellten entspricht, wird mit einem nichts sagenden, jedoch wohl abwertend gemeintem Blick quittiert und  der Aussage, dass das ja jetzt wohl nicht mehr sein Problem sei.

Auf die anschließende Rechnung, und dies gilt für einige, teils auch gute Restaurants in BsAs, wartet man länger als auf das Essen.

Der Fairness halber muss ich an dieser Stelle anmerken, dass das obige Beispiel in seiner Form und Dreistigkeit einzigartig war, es spiegelt jedoch einen überwiegenden Teil der „porteñischen” Einstellung wider. Guter Service ist selten, meist bei internationalen (Schnell-) Restaurants zu finden oder ganz simpel eine Frage des Preises.

Und an Orten mit hoher Touristendichte und entsprechenden Preiskategorien auch leichter zu bekommen.

Straßencafés entsprechen diesen Kategorien überwiegend nicht.

Ansonsten ist der Hauptstädter meist sehr freundlich, hilfsbereit und auch gesprächig. Man wird gefragt, woher man kommt, warum man nach BsAs gegangen ist etc.

Leider bleibt das Gefühl, diese Oberflächlichkeit nicht überwinden zu können, bestehen, selbst mit Studienkollegen an der Uni.

Der Argentinier als solcher, sofern es ihn gibt, ist ein unglaublich intensiver und angenehmer Zeitgenosse. Man kann mit ihm viel Spaß haben und den eigenen Alltag bereichern, der durchaus kraftraubend sein kann, bis hin zu einem emotionalen Stresstest, wenn Familienprobleme in der Heimat auftreten oder gar welche mit dem Partner, sofern man sich auf eine Fernbeziehung eingelassen hat.

Insgesamt ist es sehr schwierig und aufwendig, eine persönliche Beziehung von längerer Dauer zu „Porteños” aufzubauen, was auch dann gilt, wenn man in den inneren Zirkel des Vertrauens aufgenommen wurde. Leider nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn”.

Weiterhin sind die Argentinier, zumindest in der Hauptstadt, sehr auf Geld fixiert und lassen kaum eine Möglichkeit aus, um aus Touristen oder Austauschstudenten ihren Vorteil in Form von „harter” Währung zu ziehen.

Hier ein weiteres Beispiel, welches auch in Beziehung zu dem eben ausgeführtem Punkt steht.

Als ich in Buenos Aires ankam, verbrachte ich die ersten Tage im Hostel und habe mir anschließend über www.craigslist.org eine Wohnung im Zentrum gesucht.

Es war ein kleines Zimmer, Bett, Tisch Schrank und Stuhl, für 400 US $ in einer WG mit zwei Argentiniern, die ein weiteres Zimmer innerhalb der recht kleinen Wohnung vermieteten.

In den Folgemonaten verbrachte ich jeden Tag mit diesen zwei sehr netten und hilfsbereiten Männern (Brüder). Wir haben zusammen gelacht, geweint, getanzt, Fernsehen geguckt, Gespräche geführt und waren innerhalb kürzester Zeit sehr intensiv befreundet. Nach sechs Monaten bin ich dort ausgezogen, weil ich die Miete unbedingt in Dollar bezahlen sollte und argentinische Pesos aufgrund des Verfalls der eigenen Landeswährung unerwünscht waren.

Dadurch entstand für mich folgendes Problem: die maximale Auszahlung am Bankautomaten betrug bei mir 600 Pesos (mit einer Visa Card), Stand damals knapp 140 €.

Durch Zusatzgebühren verursachten 600 Pesos jedoch Kosten von 150 €. Die Miete (400 $) betrug daher schon knappe 320 €.

Mit den Pesos musste ich dann zu einer Wechselstube, um diese dann wiederum in Dollar wechseln zu lassen. Durch einen nach unten korrigierten Wechselkurs und die obligatorische Wechselgebühr, betrug meine Miete knapp 400 €, obwohl der Referenzkurs 1,30$ zu 1€, also 400$ knapp 300€ gewesen wäre.

Die Brüder haben mich als ersten ihrer ausländischen Mieter überhaupt zu ihrer Familie zum Weihnachtsfest eingeladen und es war wunderbar. Ein nicht enden wollendes Grillfest mit anschließender Bescherung.

Ich wurde als Mitglied der Familie begrüßt, behandelt, und jeder von uns versuchte mehr zu geben als zu nehmen.

Nach meinem Auszug aus dieser WG im Januar, um das Wechselspiel der Devisen zu umgehen, haben wir uns in den fünf Folgemonaten meines Aufenthaltes ein einziges Mal zu Bier und Pizza getroffen, nachdem ich auf dieses Treffen gedrängt habe.

Selbst auf diesem Treffen war alles wie an Weihnachten, jedoch kam danach kein weiterer Kontakt mehr zu Stande.

Im Prinzip gilt, dass zwischenmenschliche Bindungen eher locker, wenn es persönlich wird, dann mit voller Intensität verlaufen, jedoch nur so lange, wie man einen reellen Nutzenwert darstellt.

Auch Versprechungen auf weiteren Kontakt sind wohl eher als Höflichkeit gemeint, denn als wirkliche Absichtserklärung.

Gewöhnungsbedürftig ist ferner die für deutsche Verhältnisse unverschämte Unpünktlichkeit, die man sich aber sehr wohl auch selbst zu Nutze machen kann, was ich später auch getan habe.

b) Argentinier generell

Selbstverständlich gibt es regionale Unterschiede. So sind die Menschen in der Provinz Jujuy (Norden) aus meiner Sicht noch ruhiger und blicken noch gelassener in den Tag  als im mittleren Westen in Mendoza oder im Süden.

Ansonsten haben sie eigentlich alle etwas gemeinsam: Sie sind deutlich freundlicher und interessierter als die Hauptstädter und bemühen sich einen Ausländer zu verstehen, unabhängig davon, wie gut dessen Spanisch ist.

Außerdem hatte ich das Gefühl, sie sind ehrlicher.

4. Argentinien

a) Buenos Aires

Die Stadt als solche besitzt einige sehr schöne, auch viele touristische Plätze, und man kann es wirklich genießen, diese zu erkunden.

aa) Nahverkehr

Das größte Problem ist das Transportwesen. Eine Infrastruktur von öffentlichen Transportmitteln, wie man sie aus deutschen Städten kennt, gibt es einfach nicht.

Die U- Bahn ist überaltet und verfügt über ein eher kleines Streckennetz, S- und Straßenbahnen existieren nicht und der größte Personentransporteur sind Busse.

Die Busse scheinen aus einer anderen Zeit zu sein, sind gefühlte 20 Jahre alt, nicht mit Russfiltern ausgestattet und auch einen Abfahrtplan gibt es nicht. Man begibt sich zur Bushaltestelle und wartet bis der betreffende Bus kommt.

Verblüffender Weise scheint auch die Logistik nicht zu funktionieren, vielleicht weil es unmöglich ist, in Buenos Aires ein funktionierendes Verkehrssystem zu etablieren oder schlicht, weil es den Verkehrsbetrieben nicht das wichtigste Anliegen ist, die Pünktlichkeit ihrer Verkehrsmittel zu gewährleisten.

Also wartet man manchmal 20 Minuten auf den nächsten Bus, und dann kommen gleich vier hintereinander und zwei bleiben leer.

Das Schlimmste bei dem Bussystem ist die Bezahlung, denn eine Fahrkarte kann man nur innerhalb des Busses an einem kleinen Automaten kaufen, der ausschließlich Kleingeld annimmt. Daher sammelt man immer Kleingeld, keiner will Wechselgeld herausgeben, es besteht in der Hauptstadt ein ständiger evolutionärer Kampf um die kleinen Centstücke. Wer am geschicktesten Kleingeld hortet, darf mit dem Bus nach Hause fahren.

Das Problem entsteht deshalb, weil der Rohstoffwert der Centstücke über deren Geldwert liegt, und diese beständig nach Norden wandern, wo sie dann über die Grenze nach Paraguay oder Bolivien geschafft werden, wo sie eingeschmolzen werden.

Durch diesen beständigen Engpass haben sich aber auch sehr erfolgreiche, der Mafia ähnliche Strukturen gebildet. Entweder man stellt sich bei den Landesbanken an, was durchaus Stunden dauern kann, um an Kleingeldrollen zu kommen oder man kauft eine 100 Peso Rolle bei einer zwielichtigen Gestalt für 120 Pesos am Bahnhof.

bb) Joggen

Die Smogbelastung ist durch die vielen Busse und alten Autos unwahrscheinlich hoch und für Jogger bieten sich nur die weitläufigen Parks, zum Beispiel in Palermo oder nächtliche Läufe an. Ich tendierte zu letzterem und man sollte bei der Streckenplanung wirklich auch die eigene Sicherheit mit einplanen, was heißt, nie ausgepowert die Wendemarke erreichen, wenn der Rückweg durch Problemgegenden führt.

cc) Sicherheit

Die Stadt wird als eine der gefährlichsten in Südamerika eingestuft, man sollte nachts auch wirklich aufpassen, wo man sich bewegt und den beleuchteten Hauptstraßen folgen, sofern man allein ist. Ich konnte einige Leute kennen lernen, die entweder bestohlen (im Bus) oder ausgeraubt wurden. Nach meiner Einschätzung kann einem vergleichbares jedoch auch in deutschen Großstädten passieren, mitunter ist dies auch wahrscheinlicher, weil man unaufmerksamer ist.

Selbst von nächtlichen Taxifahrten wird in bestimmten Gegenden abgeraten, jedoch gibt es gute Taxiunternehmen, welche über eine Funkpeilung verfügen, bei denen die Fahrten aufgezeichnet werden.

Diese heißen „Radiotaxis”.

Nach meiner Erfahrung ist es aber auch sehr gut möglich, jeder Kriminalität aus dem Weg zu gehen, ich selbst konnte solch negative Erfahrung aussparen. Voraussetzung ist ein waches Auge und eine gewisse Sensibilität dafür, dass man als Tourist erkannt wird und letztlich jedem Spitzbuben auffällt wie ein Goldfisch im Piranhabecken.

Unbedingt vermeiden sollte man Geldabheben bei Nacht, weil aufgrund der Kartengebühren kein Tourist nur 10 € abhebt und dann selbst der Taxifahrer auf dumme Ideen kommen kann, wenn man dabei nicht schon von Dritten beobachtet wird.

dd) Kulinarisches

Das Essen ist schlicht Weltklasse, wenn man sich an die besten Fleischgerichte hält. Eine kleine Empfehlung von mir wäre, sich nicht auf das „Bife de Chorizo” einzulassen, weil zu fettig, sondern das 1€ teuere „Bife de Lomo” (Filet) oder „Ojo de Bife” (Nacken) zu wählen.

Wenn Argentinier eines wirklich können, dann ist das Rindfleisch braten.

Die besten Restaurant findet man in Buenos Aires, zum Beispiel das „Las Cabras” oder „La Cabrera” in Palermo. In Recoleta hat mir das „La Tecla” hervorragend gefallen, es lag in der Nähe meiner ersten WG und konnte mit wirklich gutem Service, Preisen und einer sehr witzigen Ausstattung punkten. Das Lokal wird als Familienunternehmen geleitet und auch nach Monaten wurde man wieder erkannt und begrüßt.

ee) Fußball

Der Fußball kann das Highlight eines Argentinienbesuches sein.

Die Art und Weise, wie man in Argentinien Sport und vor allem Fußball zelebriert, ist allein schon eine Reise wert.

Nach meiner Ansicht wird man eine solche Art des (Fußball-) Feierns, außer vielleicht in der Türkei oder Griechenland, nirgends auf der Welt finden.

Die beiden größten, erfolgreichsten und bekanntesten Vereine in Buenos Aires und Restargentinien sind „Boca Juniors” und „River Plate”.

Zu welchem Verein man tendiert, muss jeder selbst entscheiden, jedoch gilt dies allgemein als Charakterfrage.

Boca Juniors ist der Verein der sozial schwachen, der Ausländer und Hafenarbeiter, und ist im Viertel „la Boca” ansässig und verfügt über die deutlich kriminelleren Fans.

„River Plate” ursprünglich auch aus „la Boca” kommend ist jedoch nach den Gründerjahren in den Bezirk „Nuñez” gezogen und gilt als Verein der Reichen und der Mittelschicht.

Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen ist unglaublich und äußert sich auch in einem massiven Polizeischutz bei den jeweiligen Derbys. Allerdings liegt die Schwelle der Gewaltbereitschaft in Argentinien bei Fußballspielen ohnehin sehr niedrig und ständig berichten die Zeitungen von Toten im Zusammenhang mit Fußballspielen, so dass die Polizei bei jedwedem Fußballereignis volle Präsenz zeigt.

Die Duelle zwischen River und Boca werden „Superclásicos” genannt und entfalten ihre eigene Brisanz. Ich war bei beiden Spielen, also sowohl bei River im „la Monumental” als auch im Stadion von Boca „la Bombonera”.

Die Spiele in der Liga leben jedoch mehr von der Atmosphäre als vom spielerischen Glanz.

So stark der Kader des Nationalteams auch besetzt ist, jedes größere Talent findet in den ersten Jahren seinen Weg in die europäischen Ligen, was zu einem qualitativen Ausbluten der heimischen Topteams geführt hat.

Daher ist die Atmosphäre während der Spiele für touristische Besucher auch wesentlich interessanter als das Rasengeschehen.

b) Restargentinien

Per se ist Argentinien vielleicht das schönste Land der Erde. Nicht nur aus Gründen der Vielfalt, mit Hinblick auf Wasserfälle, Dschungel, Wüsten, Hochgebirge und Gletscher, sondern auch wegen derer Unberührtheit.

Die Nordprovinz Jujuy an der Grenze zu Bolivien ist mehr oder weniger eine karge Steinlandschaft, aber auf 2100m über dem Meeresspiegel gibt es ebenfalls viel zu entdecken.

Da sind vor allem die unterschiedlich bunten Berge, welche in rot, braun, schwarz und teilweise dunkelblau leuchten, aber auch die Salinas. Dies sind auf etwas unterhalb von 4000m gelegene Salzseen, welche sich auf den Hochplateaus der Anden befinden.

Die im Nordosten befindliche Provinz Missiones besteht eigentlich nur aus grünem Wald. Überall blüht und gedeiht das Land, Highlights sind die Wasserfälle in Iguazu und das ehemalige Jesuitenkloster ca. 200km südlich.

Der mittlere Westen bietet von West nach Ost durchgängig lohnende Reiseziele. Im Westen liegt das Weinanbaugebiet des Landes, Mendoza, wo man herrliche Weintouren buchen kann und beispielsweise mit einem gemieteten Fahrrad die einzelnen Bodegas abfährt und Weinproben kostet. Den Rückweg ist meist schwerer als der Hinweg, was aber dem guten Wein geschuldet ist. Im Osten auf einer Strecke von 500km nach Süden bieten sich Mar del Plata, das Badeparadies Argentiniens an, sowie die Wal und Robbenstrände in Valdez 500 km südlich von Mar del Plata.

Der Süden reizt vor allem mit Patagonien, einer verhältnismäßig teuren Gegend, auch argentinische Schweiz genannt, bis hinunter nach Feuerland. Besonders hervorzuheben ist die Gebirgsformation „Torres del Peine” und der Gletscher „Perito Moreno” in der Nähe von „el Calafate”.

Reisen sollte man entweder mit dem Bus, wobei eine Übernachtfahrt (1200km) mit zwei Mahlzeiten, einem Schlafbett und gratis Whiskey ca. 40 € kostet.

Oder man fliegt mit einer der einheimischen Fluglinien „LAN” oder „Aerolineas Argentinas”.

Diese bieten Hin- und Rückflug meist für ca. 80 € an, aber zu deren besonderen Konditionen siehe Abschnitt „6. Visum”.

5. Geld

Bei der Budgetplanung sollte man konservativ sein, um sich nicht selbst in seiner Flexibilität zu limitieren. Also nicht zu knapp rechnen. Der Grund liegt einfach darin, dass wie bereits oben beschrieben, das Land so viele einzigartige Reiseziele zu bieten hat und ein Argentinienaufenthalt von einem Semester oder mehr nicht allein aus einer einzelnen Buenos- Aires- Erfahrung bestehen sollte.

Wohnen in Buenos Aires ist einfach teuer und preislich vergleichbar mit europäischen Großstädten.

300 € in einer WG sind realistisch im Zentrum, Recoleta, Nuñez und anderen gehobenen Orten. Auch in Partyvierteln wie Palermo ist der Grundmietpreis sehr hoch. Im Künstlerviertel „San Telmo”, wo das Hostel aus meinen ersten Tagen steht, kann man sicherlich günstiger wohnen, aber die Gegend ist auch deutlich unattraktiver.

Als Faustregel gilt, wer ca. 300 € ausgibt, wohnt gut und in einem sicheren Umfeld.

Für Lebenserhaltungskosten inklusive Partygeld, Essen, Waschsalon, Lehrmaterialien sollten wohl weitere 300 €/mtl. eingeplant werden.

Danach kommt das Reisebudget, wobei ich, wenn man eine große Reise durch das ganze Land plant, mit etwa 1000 € kalkulieren würde.

Wie immer gilt, wer preisgünstiger wohnen, essen und reisen will, wird dazu auch Gelegenheit haben, aus meiner Sicht ist der ein oder andere Euro mehr investiert, teils mit deutlichen Qualitätssteigerungen verbunden.

Die besten Konditionen zum Geldabheben bietet die Citibank, wo man mit einer deutschen EC-Karte mehr als 500 € abheben kann, im Gegensatz zu anderen Karten und auch Banken.

Evtl. könnte man auch vor Ort ein Konto eröffnen, allerdings kam das für mich nicht in Frage.

Mit Visa-Karten war die maximale Abhebung im Jahr 2009 auf 600 Pesos begrenzt, was dem Gegenwert von 140 € entsprach. Zusätzliche Gebühren müssen hierbei allerdings einkalkuliert werden.

6. Visum

Wer ein halbes Jahr in Buenos Aires bleiben möchte, hat in der Regel kein Problem ein Visum zu bekommen. Voraussetzungen dafür sind ein argentinisches Führungszeugnis, zu beschaffen vor Ort, eine Immatrikulationsbescheinigung der Universität in Argentinien und evtl. ein deutsches Führungszeugnis und vier Passfotos in einer speziellen Größe.

Für ein einjähriges Visum braucht man hingegen die Fotos, das argentinische Führungszeugnis, die Immatrikulationsurkunde und das deutsche Führungszeugnis mit Apostille. Ohne diese wird das einjährige Visum nicht ausgestellt. Das Problem ist hierbei, dass die Apostille vom Bundesverwaltungsamt ausgestellt wird und ein Führungszeugnis nur persönlich beantragt werden kann. Wer es also versäumt, sich diese „Legitimation für den internationalen Urkundenverkehr” zu beschaffen, müsste im Zweifelsfall wieder nach Deutschland reisen oder sein deutsches Führungszeugnis nach Köln zum Bundesverwaltungsamt schicken, um eine Apostille draufkleben zu lassen. Die Gültigkeit des Führungszeugnisses zur Visumsbeantragung liegt bei sechs Monaten.

Deutsche Urkunden müssen von einem amtlichen Übersetzer ins Spanische übersetzt werden. Es empfiehlt sich aus Kostengründen dies erst in Argentinien zu erledigen, zum Beispiel im ansässigen Goethe- Institut. Die Kosten betrugen im Jahr 2008 knapp 100 Pesos für die Übersetzung eines deutschen Führungszeugnisses mit Apostille.

Weiterhin muss der Reisepass vollständig (auch leere Seiten) kopiert und in der Migrationsbehörde abgegeben werden.

Das Visum kostete 200 Pesos.

Der größte Vorteil eines Visums ist, dass man in fast allen Nationalparks oder bei Fluglinien sehr günstige Preise nutzen kann.

So zum Beispiel bieten die staatlichen oder halbstaatlichen Fluglinien wie LAN oder Aerolineas Argentinas Preise für Touristen und Preise für Einheimische an. Der Unterschied beträgt knapp 40 %.

Die früher gängige Praxis, mit einem Touristenvisum zu studieren und alle 3 Monate nach Brasilien oder Uruguay aus- und wieder einzureisen wurde unterbunden.

Die Universitäten vergeben nach eigenen Aussagen keine Zeugnisse an Studenten, die ihr Visum nicht im zuständigen Office der Universität abgegeben haben.

Inwieweit man mit Betteln und Augenzwinkern weiterkommt, kann ich nicht sagen.

Grundsätzlich gilt in Argentinien, Gesetze und Regeln gibt es zu Hauff, in der Einhaltung und der Kontrolle derselben, liegt das Problem.

7. Studium

Das Studium in Argentinien, gerade für Austauschstudenten, unterliegt anderen Regeln als in Deutschland. Eine Anwesenheitspflicht war für mich neu und die Quote von 75% erschien mir auch übertrieben hoch. In der Regel gibt es 2 Examen pro Semester pro Kurs. Ein „Parcial” (Vorprüfung) zur Semestermitte und ein „Final” am Schluss. Beide Noten werden verrechnet und wie in Deutschland gilt bei Juristen „Vier gewinnt”.

Die Noten reichen von 1- 10, wobei zehn die beste Note darstellt.

Die Kurse werden an der „UBA” als Frontalunterricht gegeben, in einem riesigen, alten und teils kaputten Gebäude. Technisches Gerät steht nicht zur Verfügung, WLAN gibt es in der gesamten Fakultät ebenfalls nicht.

Die UBA genießt einen sehr guten Ruf, ich konnte jedoch nicht erkennen wieso.

Fast alle Kurse werden in Spanisch gegeben (Ausnahme sind die Übersetzerstudiengänge) und der Ablauf ist meist wie folgt:

  • Professor kommt zu spät (15- 30 min),
  • stellt sich vor die Klasse, redet, redet , redet, reagiert vielleicht auf eine Zwischenfrage, stellt vielleicht auch einmal eine Frage
  • und macht pünktlich Schluss.

Das Problem ist aus meiner Sicht, dass es  an einer  klasseninternen Disziplin fehlt.

Fängt erst einmal eine Diskussion zwischen dem Dozenten und den Kursteilnehmern an, ergibt sich ein nicht enden wollender Redeschwall, bei dem sich alle versuchen zu überschreien, um ihren Argumenten damit Ausdruck zu verleihen. Ein Freund von mir bezeichnete dies als „mediterrane Gepflogenheiten”.

Mit Sicherheit eine Art des Studierens, wie wir sie in Deutschland nicht kennen.

Auch der Respekt vor dem Titel des Professors ist im Vergleich zu Deutschland bedeutend niedriger.

Fachlich orientiert sich das argentinische Recht in vielen Bereichen sehr nah am deutschen und man wird öfter gefragt: „Sagt mal, wie habt ihr Dieses und Jenes gelöst?” oder „Kannst du mir mal die Strafrechtstheorien von Roxin ins Spanische übersetzen?”.
In solchen Fällen einfach nur lächeln und sagen: „Nein, hatte ich noch nicht im Studium” oder „Welches seiner 100 Bücher?”.

Und genau dort liegt auch das Problem. Ein Sprachkurs, oder zwei besucht zu haben, bereitet einen in keiner Weise auf ein juristisches Studium in Argentinien vor.

Zum einen, weil das Castellano mit dem Spanisch so verwandt ist, wie Bayrisch mit Hochdeutsch und zum anderen, weil einem meist die entsprechenden Vokabeln fehlen.

Dadurch wird das Jurastudium in Argentinien zu einer Herausforderung der besonderen Art.

Mein Empfehlung: Geht nur nach Argentinien, wenn ihr über solide Kenntnisse verfügt oder wirklich gewillt seid, euch diese so schnell wie möglich anzueignen. Dann würde ich ebenfalls dazu raten, den internationalen Kontakt zu Amerikanern und Engländern zu meiden, denn das verführt nur zum Englisch sprechen und führt einen nicht weiter.

Ich habe diesen Fehler selbst gemacht und kann sagen, außer Essen bestellen hatte ich kaum etwas dazugelernt in den ersten fünf Monaten.

Ansonsten gibt es gegen ein Jurastudium in Südamerika (speziell in Argentinien) grundsätzlich zwei Einwände.

Erstens, es gibt viele Gesetze, Regeln und andere Vorschriften, folglich ist die Legislative sehr stark, es fehlt jedoch an eben genau dieser Stärke bei den ausführenden Organen, wie der Polizei. Folglich ist die Legislative eher überrepräsentiert und materiell oft nutzlos.

Die Polizei ist korrupt (selbst erlebt) und nach Aussage von Bekannten, einer der größten Profiteure des florierenden Drogenhandels.

Wer also Vergnügen daran findet, unwirksame Gesetze kennen zu lernen, ist in den angebotenen Grundkursen genau richtig.

Die Kurse im Hauptstudium, wie ich sie besucht habe, zum Beispiel: „Massive Menschenrechtverletzungen in Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur”, sind dagegen nicht nur interessanter sondern schärfen aus meiner Sicht auch den Blick für das Leben.

Diese Kurse setzen jedoch ein gehobenes Spanisch voraus. Der Vorteil ist aber, dass sie oft in kleinen Gruppen stattfinden, meist mit einer Teilnehmeranzahl von unter 30. Wenn man Glück hat, können die Lücken durch Gespräche mit den Dozenten nach den Kursen gefüllt werden, sofern sie sich Zeit nehmen.

Zweitens, ist die Anerkennung von erworbenen Scheinen zwar möglich, aus meiner Sicht jedoch wenig sinnvoll. Wer zum Beispiel einen einjährigen Kurs besucht, vergleichbar mit der großen Übung, in welchem zwei Klausuren und eine Hausarbeit abgeleistet werden müssen, kann sich zwar das deutsche Pendant ersparen und sich den Schein folgerichtig an seiner Universität in Deutschland anrechnen lassen, jedoch verpasst man viel deutsches Recht dabei. Im Ergebnis wäre es mit Hinblick auf die heimische Examensvorbereitung daher vielleicht besser, man würde den betreffenden Kurs in Deutsch und zum deutschen Recht besuchen. Die Hauptstudiumskurse können sich mitunter auch im universitären Schwerpunktsbereich anrechnen lassen, befreien aber ebenso wenig vor der stofflichen Aufbereitung des deutschen Teils wie vor der mündlichen Prüfung und der Klausur.
Daher gilt, jeder muss selbst entscheiden, ob ein Auslandsjahr für ihn persönlich Sinn macht. Denn der fachliche Zugewinn ist sehr begrenzt, auch weil die Lehre qualitativ deutlich schlechter ist als in Deutschland. In anderen Fachrichtungen lassen sich Kurse deutlich besser in ein Bachelor-Studium integrieren und man kann sich einfache Noten beschaffen und verliert keine Zeit. Bei Rechtswissenschaften ist dies jedoch eindeutig nicht der Fall.

8. Fazit

Aus meiner Sicht ist und bleibt Argentinien ein Schwellenland mit einer fragwürdigen Zukunft. Die Wirtschaftsleistung ist begrenzt und auch Englisch, die globale Businesssprache wird ausnahmslos schlecht bzw. gar nicht gesprochen. Daher sollte ein Argentinienbesucher sehr solide Kenntnisse mitbringen.
Das lokale Essen ist absolut Weltklasse und auch der Preis im Verhältnis zur Qualität ausgesprochen ist gut.

Der zwischenmenschliche Kontakt zu Argentiniern ist leider beschränkt und man wird bei jeder Gelegenheit übervorteilt, aber das kann letztlich jeder anders erfahren.

Das Studium ist, wie schon ausgeführt, qualitativ different, nicht besonders einfach und auch nicht zwingend karrierefördernd.

Würde ich heute mit all dem Wissen, das ich habe, dieselbe Entscheidung wie vor einem Jahr treffen und nach Argentinien gehen?

Ganz bestimmt.

p.s. Hier noch ein paar Links

Fußball:

den Namen bei youtube eingeben:

“TROFEOS DE GUERRA ESPECIAL DE LOS BORRACHOS DEL TABLON 14 RIVER PLATE POR MAXI O. “







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