Musterschüler beim Deutschlandstipendium eindeutig im Vorteil
Doch wer die 300 Euro pro Monat, finanziert von Bund und privaten Spendern, erhalten möchte, braucht Bestnoten. Zwar soll die Persönlichkeit als Ganzes betrachtet werden, doch erfährt das Auswahlgremium für die Stipendien außer dem Inhalt eines zweiseitigen Motivationsschreibens nichts über die Persönlichkeit der Bewerber. Aufgrund der hohen Bewerberzahlen können persönliche Auswahlgespräche nicht stattfinden. Letztendlich sind es die Noten, die mit 60 Prozent bei der Studienvergabe einfließen, Besonderheiten wie ein Migrationshintergrund und soziales Engagement in der Freizeit werden nur mit jeweils 20 Prozent berücksichtigt. Daraus folgt, dass sich selbst der engagierteste Student die Bewerbung sparen kann, wenn er eine Klausur verpatzt hat.
Glaubt man den Beteuerungen von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) müssten ehrenamtlich tätige Studenten das Paradebeispiel eines Deutschlandstipendiaten sein. Die Ministerin schwärmt in Interviews von „jungen Menschen, die Großartiges geleistet haben und dabei bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen“.
An einigen Unis zählen Engagement, Auslandsaufenthalte und Praktika noch weniger als 20 Prozent. So bezieht das Auswahlgremium an der FU Berlin die zusätzlichen Kriterien nur dann ein, wenn zwei Bewerber aus dem gleichen Fach exakt die gleichen Noten haben, was in den seltensten Fällen vorkommen wird. In Tübingen können die Bewerber ihre „Persönlichkeit“ gleich ganz für sich behalten. Hier kann der geforderte Schnitt von 1,2 in Abitur oder Studium nur durch Preise in Wissenschaftswettbewerben aufgewertet werden. An wen sich das Stipendium hier richtet ist offensichtlich.
Folgt man dem Stipendiengesetz, sollen gesellschaftliches Engagement und besondere soziale Umstände durchaus eine Rolle bei der Vergabe spielen. Der Notenfetisch ist also nicht gesetzlich vorgeschrieben. Allerdings würde dadurch eine Menge zusätzliche Arbeit auf die Universitäten zukommen. Allein in Heidelberg mussten in diesem Semester über 1.300 Lebensläufe und etwa 2.600 Seiten Motivationsschreiben gelesen, bewertet und verglichen werden. Problematisch ist also, dass die Universitäten und das dort vorhandene Personal den Aufwand bei der Auswahl der Stipendiaten alleine schultern müssen, wobei die bereits mit dem Gewinnen der nötigen Sponsoren überfordert sind. Hilfe von der Bundesregierung ist nicht zu erwarten.
Universitäten, die sich einen zusätzlichen Aufwand nicht leisten können oder wollen, verlassen sich also vollständig auf ein Kriterium, das leicht vergleichbar scheint, die Noten. Dass auch diese hart erarbeitet sind steht nicht zur Diskussion. Möchte man aber nun an ein Deutschlandstipendium kommen, so sollte man seinen Schreibtisch besser nicht mehr verlassen. Die Chancen stehen derzeit besser, wenn man sein Amt im Verein aufgibt, das Auslandssemester oder das Praktikum absagt und fleißig lernt. Denn nur bei den Klausuren lohnt sich die Leistung momentan wirklich.




