Interview zum Jurastudium mit Prof. Schwab

Die Redaktion von just-study.com hat für euch ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Martin Schwab, Professor an der FU Berlin, zum Jurastudium geführt. Ein Muss für alle, die Jura studieren oder studieren möchten!

Herr Prof. Schwab, welche Voraussetzungen sollte man aus Ihrer Sicht für das Jurastudium mitbringen?

Darauf gebe ich zwei kurze Antworten: Erstens die Fähigkeit zum logischen Denken. Und zweitens die Fertigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache. Das möchte ich kurz erläutern. Juristerei ist ein Fach, in dem es bis zu einem gewissen Punkt darum geht, aus Gesetzen mit einem bestimmten Reservoir an Argumentationsfiguren Lösungen abzuleiten, deswegen das logische Denken.

Ab einem gewissen Punkt verliert die Logik ihre Kraft, eindeutige Entscheidungen zu generieren. An dieser Stelle ist die Argumentationskraft gefragt. Argumente kommen überzeugend rüber, wenn man sie formulieren kann. Deswegen Fertigkeiten in der deutschen Sprache.

Entgegen vieler Vorurteile sollte man also beispielsweise auch in Mathematik gut sein?

Die Erfahrung lehrt, dass diejenigen, die in Deutsch, in Mathematik und soweit vorhanden auch in Latein gut sind, auch im Jurastudium gut abschneiden.

Welche beruflichen Möglichkeiten ergeben sich nach dem Jurastudium?

Man gilt als vielseitig einarbeitungsfähig. Es gibt natürlich die reglementierten Berufe Richter, Rechts- oder Staatsanwalt. Das Spektrum reicht aber weit darüber hinaus. Man ist in auch der Lage, mit einer betriebswirtschaftlichen Zusatzausbildung auf die kaufmännische Seite zu wechseln. Es gibt genügend Juristen, die heute in Unternehmensvorständen sitzen oder als Unternehmensberater tätig sind.

Ein allgemeines Vorurteil besagt, dass Jura ein sehr „trockener“ Studiengang ist. Können Sie das bestätigen?

Das ist eines der berühmtesten Vorurteile und ich kann es überhaupt nicht bestätigen!

Jura hat einen großen Vorteil. Das Substrat dessen, was wir bearbeiten, sind Fälle aus dem prallen Leben. Im Studium sind das natürlich Fälle, die man sich erst einmal ausdenkt, um sie zu Übungszwecken den Studierenden vorzuführen. Aber man hat es mit Fragen zu tun, die im alltäglichen Leben auftreten. Es geht dabei oftmals um Fragen nach den eigenen und nach den fremden Grenzen. Was darf ich? Was darf ich nicht? Was muss ich? Was muss ich mir nicht gefallen lassen? Wo endet und beginnt meine eigene Freiheit? Und wenn man sich das vor Augen führt, dann kann Jura gar nicht trocken sein. Das, was zumeist als trocken verstanden wird, ist die sehr formale Sprache. Wir Juristen neigen dazu, bestimmte Denkfiguren auf eine Abstraktionsebene zu bringen. So wie es das Gesetz ja auch tut, denn das Gesetz ist notwendig abstrakt, weil es für viele Fälle gelten soll. Diese Abstraktion in der juristischen Sprache wirkt eben etwas hölzern. Man kann es aber auch übertreiben. Die beste juristische Sprache ist nicht diejenige, die mit möglichst vielen Fremdwörtern und Nominalkonstruktionen gespickt ist, sondern diejenige, welche man auch als Nichtjurist noch verstehen kann.

Warum sollte man an der Jura an der FU-Berlin studieren?

Da gibt es viele Gründe. Ich fange jetzt mal mit der fachlichen Seite an. An der FU Berlin gibt es ein sehr gutes Examensvorbereitungsprogramm. Das ist für die Abschlussphase sehr wichtig. Bei uns muss keiner kommerzielle Lehre in Anspruch nehmen, viele tun es leider trotzdem. Doch wir haben ein konkurrenzfähiges Programm aufgebaut. Bei uns gibt es darüber hinaus ein internationales Mobilitätsprogramm, das seinesgleichen sucht. Wer ins Ausland will, kann von 60 Erasmuspartnerschaften profitieren. Außerdem haben wir ein Programm für die Betreuung von Studienanfängern, welches auch nicht an jeder Universität zu finden ist. Das ist das Tutorienprogramm für Studierende im Grundstudium. Hier bieten studentische Tutoren aus höheren Fachsemestern in kleinen Gruppen ergänzenden Unterricht für die Studienanfänger an. Das ist deswegen wichtig, weil die älteren Studierenden nicht nur zu einem fachlichen, sondern auch zu einem persönlicher Ansprechpartner für die jüngeren Studierenden werden.

Was die gesellige Seite anbelangt: Man muss immer sehen, dass Jura ein Fach ist, in dem man ein Gesetz lernt. Da Gesetze Herrschaftsinstrumente sind und man also lernt ein Herrschaftsinstrument zu beherrschen, gibt es einige Juristen, die sich, ohne sich selbst diesen psychologischen Zusammenhang bewußt zu machen, für etwas bBesonderes halten. Je nachdem, wie die Fakultät von der sozialen Struktur zusammengesetzt ist, kann es schon mal passieren, dass da einige „Schnösel“ aufeinander treffen. Das ist meiner Meinung nach an der FU nicht so. Wir haben hier eine sehr heterogene Sozialstruktur in der Studierendenschaft. Jeder, der hier studiert, findet den sozialen Umgang, der zu ihm passt. Das empfinde ich als Vorteil.

Was halten Sie von privaten Hochschulen wie die Bucerius Law School Hamburg?

Ich habe selber ein Trimester an der Bucerius Law School als Lehrstuhlvertreter unterrichtet, so dass ich meine Erfahrung auf folgende Formel bringen kann: Ich werde nie ein böses Wort über die Hochschulleitung verlieren, ich werde nie ein böses Wort über die Hochschulverwaltung verlieren und ich werde nie ein böses Wort über das dortige Kollegium verlieren. Das sind alles erstklassige und hoch integere Leute. Das große Problem waren die Studierenden vor Ort. Nicht weil sie fachlich schlecht waren, ganz im Gegenteil, sie sind mit sehr guten Noten aus dem Hamburger Staatsexamen herausgegangen. Das Problem war, dass da eine Forderungskultur vorherrschte nach dem Motto: „Was ist das für ein Service, ich möchte sofort mit dem Geschäftsführer sprechen“. Zumindest gab es einen sehr signifikanten Teil der Studierenden, die mit einer solchen Einstellung antraten, natürlich sind aber nicht alle so. Daher ist meine Erfahrung mit dieser Hochschule die, dass nicht alle Studeierenden den Dozentinnen und Dozenten mit dem nötigen Respekt entgegnen. Ich rede jetzt nicht von dem Respekt der 60er Jahre, als die Professoren gar ehrfürchtig angesprochen wurden. Diese Zeiten sind Gott sei dank vorbei. Aber wir reden von demselben Respekt, den ich meinen Studierenden entgegenbringe. Diesen möchte ich natürlich auch entgegengebracht bekommen. Das war an der Bucerius Law School nicht immer der Fall. Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, ich zahle ja Studiengebühren. Ich habe den Studierenden dann damals, als ich auf meine Evaluationsergebnisse geantwortet habe, gesagt, dass sie diesen Standpunkt gerne vertreten können. Aber damit begibt man sich in die Gefahr, sich einer uneinlösbaren Lebensillusion hinzugeben. Denn man bekommt im Leben nicht immer alles nachgeschoben. Man ist als Jurist letztendlich auch Dienstleister. Und ich wünsche auch meinen Absolventen von der Bucerius Law School nicht, dass ihre Mandanten dann so mit ihnen umspringen, wie sie seinerzeit mit mir umgegangen sind.

Also kann man sagen, dass man mit einem Studium an einer privaten Hochschule nicht zwingend eine bessere Ausbildung bekommt, als an einer staatlichen Hochschule!?

Das kann man so nicht sagen! Die BLS hat eine begrenzte Aufnahmekapazität. Das führt zu einer traumhaften Betreuungsrelation. Eins zu 24, also ein Professor auf 24 Studierende. Da kann keine staatliche Universität mithalten. Natürlich kann man mit einer besseren Betreuungsrelation besser die Studierenden erreichen. Und zur Ausbildung dort, also gegen die Professoren, kann man natürlich nichts sagen. Die sind alle fachlich und didaktisch sehr gut. Man bekommt dort eine erstklassige Ausbildung. Dies liegt vor allem an der schmalen Betreuungsstruktur. Genau dies ist ein großer Vorteil der BLS.

Sollte man als Jurastudent ein Auslandssemester absolvieren?

Ich persönlich habe keine Auslandserfahrung gesammelt. Daher kann ich persönlich wenig darüber sagen. Die Studierenden, die allerdings im Ausland waren, berichten durchweg positiv davon. Es ist also sicherlich eine gute Lebenserfahrung.

Wie wichtig ist es während des Studiums praktische Erfahrung zu sammeln?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich meine Praktika überwiegend als eher lästige Pflicht empfunden habe. Ich denke, wir haben nicht umsonst eine klar strukturierte praktische Ausbildung im Referendariat. Es kann natürlich nie falsch sein, auch mal vorher in der juristischen Praxis Erfahrungen zu sammeln. Andererseits hat es seinen Sinn, dass die juristische Ausbildung in zwei Phasen eingeteilt ist. In der ersten Phase lernt man, wie man mit einem Gesetz überhaupt sauber umgeht. In der zweiten Phase lerne ich, wie ich den Sachverhalt selber so strukturieren kann, dass ich ihn überhaupt mal einer Lösung zuführen kann. Die Erfahrung lehrt, dass in der Praxis unter Zeitdruck oftmals sehr schlampig gearbeitet wird. Wenn man sich dann davon zu sehr leiten lässt, kann dies die Ausbildung im Studium eher negativ beeinflussen. Im Studium wird sehr stark auf eine präzise Gedankenführung geachtet. Man muss dann also aufpassen, wenn man bspw. bei einem Anwalt arbeitet, dass man das eine auch vom anderen trennt.

Aber ist es nicht wichtig, relativ früh Kontakte zu sammeln? Um sich in der großen Konkurrenzsituation zu behaupten?

Diese Chance sehe ich eher im Referendariat. Da ist man nämlich in der Lage, in der Kanzlei richtig entlastende Arbeit zu leisten. Wenn man erst einmal in einer Kanzlei den Fuß drin hat und sich als gute Kraft bewährt, dann ist das in der Regel ein guter Einstieg. Es kommt aber auch auf die jeweiligen Kanzleien an. Einige suchen Studierende schon am Anfang des Studiums aus und bauen sie nach und nach zu Kanzleipartnern auf.

Kommen wir nochmal zum Ende des Studiums. Was empfehlen Sie, Universitätsrepetitorium oder kommerzielles Rep.?

Also ich sage es mal so. Es muss niemand deswegen zum kommerziellen Repetetorium gehen, weil die Universität keine vernünftige Ausbildung anbietet. Wir haben ein Universitätsrepetitorium und einen Klausurenkurs, der über 44 Wochen geht. Das ist zur Zeit auch alles noch kostenfrei. Was mich bei manchen kommerziellen Repetitorien stört, ist, dass es da nicht um das Interesse der Studierenden um ihrer selbst willen geht, sondern dass es oftmals reine Geldschneiderei ist. Crashkurse kurz vor dem Examen sind für die meisten Gift. Es wird leider in den Repetitorien suggeriert, dass man ohne diese Kurse das Examen nicht bestehen kann. Ich finde es außerordentlich problematisch, dass hier mit der Angst der Studierenden Geld gemacht wird.

Es sollte meiner Meinung nach eher ein gesundes Selbstvertrauen und die Fähigkeit herausgebildet werden, eine überzeugende Falllösung selbstständig zu entwickeln. Leute, die fachlich gut sind, bringen oft das Selbstvertrauen mit, dass sie sich nicht beirren lassen. Aber gerade die Studenten, die zu kämpfen haben, lassen sich dadurch zu sehr beeinflussen und in falsche Richtungen lenken.

Deshalb sollte man bei der Auswahl der Dozenten unabhängig vom kommerziellen oder universitären Repetitorium darauf achten: Haben die Dozenten ein Interesse um meiner selbst willen? Hämmern sie mir nicht nur irgendein Wissen ein, sondern bringen sie mir methodische Kompetenz bei, mit dem Gesetz umzugehen, auch wenn mal ein unbekanntes Problem auftritt? Sind sie bereit, auf Rückfragen zu antworten und kommen da befriedigenden Antworten heraus? Gerade die kommerziellen Repetitorien blocken häufig Nachfragen ab. Und ich höre immer wieder, dass da Rückfragen regelrecht abgebügelt werden und dass einige Dozenten außerhalb ihrer vorgefertigten Skizze für den vorbereiteten Fall oftmals keine Ahnung haben. Der Mehrwert eines Repetitoriums besteht aber gerade darin, dass man die Person, die vorne steht, fragen kann – und das ergibt sich in der kommerziellen Lehre oftmals nicht.

Man kann also sagen, dass ein Jurastudent zumindest an der FU kein kommerzielles Repetitorium benötigt?

Genau. Und dafür verbürge ich mich auch mit meinem Namen, da ich Teil des universitären Repetitoriums bin.

Abschließend noch eine persönliche Frage. Wann haben Sie gewusst, dass Sie Jura machen möchten und wann wussten Sie, dass Sie in die Lehre gehen wollen?

Ich hatte nach dem Abi die Wahl zwischen Jura und Chemie. Da mich vor allem das Denken und Lösen von Problemen interessiert hat, habe ich mich schließlich für Jura entschieden. Außerdem hätten meine bescheidenen praktischen Fähigkeiten eher dazu geführt, dass dort, wo das Gebäude des Fachbereiches Chemie steht, jetzt ein großer Krater wäre (lacht). Ich habe auch recht früh gemerkt, dass es mir Spaß macht, Leuten etwas zu erklären. Deshalb habe ich schon im 4. Semester entschieden, nach dem Jurastudium in die Lehre zu gehen. Dies habe ich auch nie bereut!

Lieber Prof. Schwab, das Team von just-study.com dank Ihnen herzlich für das Interview!







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